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Mimi, eine geschundene Seele
Autor: trudi
Datum: 11.06.08 12:46 Uhr
 

Neuzugang in unserem Asyl für Gnadenbrot-Katzen

Mimi, eine geschundene Seele

 

Unser sehr aktives Mitglied, Margit Cleve, meldete uns telefonisch einen tragischen Fall von Katzenelend.
 
Eine verantwortungslose Person hatte einen Wohnungswechsel vorgenommen und 18 unkastrierte Katzen ganz einfach zurück gelassen! Diese bedauernswerten Tiere lebten bereits seit etwa November bei jeder Witterung draußen. Von Hunger, Kälte und Nässe geplagt waren sie auf sich selbst gestellt.
 
Einige von ihnen hatte ein Mitglied vom Tierheim nun eingefangen, tierärztlich versorgen und unfruchtbar machen lassen. Unter diesen Katzen, die jetzt im Tierheim auf eine liebevolle Familie und ein bleibendes Zuhause warteten, befand sich ein sehr scheues, ganz offensichtlich unvermittelbares Tier, das sich permanent in der äußersten Ecke des Raumes zu verstecken suchte und nicht anfassen ließ. Deshalb kam die Anfrage vom Tierheim, ob unsere Margit diese Katze vorübergehend aufnehmen und "Handzahm machen" könne, damit man sie anschließend vom Tierheim vermitteln kann. Unsere gute Seele stimmte sofort zu und holte das sehr scheue Tier vor wenigen Tagen zu sich nach Hause.
 
Problem-Tiere wachsen uns Tierfreundinnen sofort ans Herz. So ging es auch unserer Margit. Deshalb stand für uns beide noch während des Gesprächs fest, dass diese arme Katze auf gar keinen Fall zum Wanderpokal werden würde! Offensichtlich hatte sie schon reichlich schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht. Und ein Tier, das das Vertrauen zu Menschen verloren hat, wird zwar irgendwann wieder zu einem Menschen, der gut zu ihm ist, Vertrauen fassen, aber nur zu diesem einen Menschen! Eine weitere Vermittlung - also ein weiterer Wechsel - kann nur weitere Enttäuschung und noch mehr Leid für diese geschundene Seele bedeuten. Alles andere ist Illusion.
Mimi, nannte Margit das neue Problem-Tier, "weil sie viel und gerne redet". Dabei erinnerte sie sich an einen alten Film, in dem das liebenswerte Dienstmädchen, Mimi, einer aristokratischen Familie unaufhörlich redete.
 
Zu Mimi sollte nun ein weiterer Notfall: Eine hochträchtige Mutterkatze war ihr angekündigt worden, die man Margit in den nächsten Tagen bringen würde und für die sie eigentlich den Platz benötige. Ihre große Sorge: ob die beiden sich vertragen werden?
 
Mir war natürlich klar, dass die Mutterkatze mit ihren Jungen Ruhe braucht und bat mir Bedenkzeit aus. Eine Nacht wollte ich darüber schlafen und mich mit dem Gedanken vertraut machen ein weiteres Problem-Tier aufzunehmen. Schließlich bedeutet dies auch für mich zusätzliche Arbeit, Zeitaufwand und Kosten. Über Liebe und Geduld brauchte ich nicht nachdenken.
 
Margit führte Mimi ihrem Tierarzt vor um sich davon zu überzeugen, dass sie unfruchtbar gemacht wurde und ließ sie tätowieren und chippen. Zusätzlich legte sie ihr ein Halsband mit Adreßkapsel um. Eine dreifache Vorsorge für den Fall, dass Mimi aus unseren Freiläufen ausbrechen würde. Sorry, liebe Margit, ich weiß wie gut Du es meinst. Aber eine Katze, die sich nicht anfassen läßt kann unmöglich von Fremden identifiziert und zu uns zurück gebracht werden. Selbst wenn sie ein großes Schild um ihren Hals trüge. Aber das weißt Du ja auch. Übrigens: das Halsband hat sie sich sehr bald abgerissen. Ich fand es später unter dem (provisorischen) Gästebett im kleinen Gästezimmer, wo sie sich die ersten zwei Wochen permanent versteckt hielt, wenn ich den Raum betrat.

 

Mimi unterm Bett-19.5.08

 

Am 20. April 2008 kam Mimi zu uns. Ich sah sie nur dann, wenn ich unter das vorgenannte Bett schaute. Um kontrollieren zu können, dass sie ihr Futternäpfchen tatsächlich selbst leerte, schloß ich während der Fütterung die Tür zum kleinen Gästezimmer. Die anderen Katzen fütterte ich weiterhin im "großen" Gästezimmer. Mimi hat von Anfang an bis heute sehr guten Appetit. Kein Wunder, wenn sie in der Zeit draußen kaum etwas Eßbares gefunden hat.
 
Mimi redete tatsächlich sehr viel. Doch schnell bemerkte ich, dass sie mich damit testen wollte. Wenn ich ihr Antwort gab, war sie sofort still um einige Minuten später wieder ihren "Sprechgesang" anzustimmen. Gab ich ihr keine Antwort und verhielt mich ruhig, wurde ihre Stimme immer lauter. Schließlich kam sie vorsichtig aus ihrem Versteck heraus, schaute sich um und lief ins andere Zimmer, ins Katzenklo, auf die Fensterbank oder an den Futternapf.

 

Mimi 29.5.08

 

Am 19. Mai - also vier Wochen nach ihrer Aufnahme in unserem Asyl! - konnte ich die ersten Fotos von Mimi machen. Bis dahin lief sie bäuchlings sehr schnell vor mir weg und wagte sich erst ans Futter, wenn ich den Raum wieder verließ. Überhaupt ängstigte sie meine Anwesenheit genau so, wie die Stimmen im Fernseher, zu dem sie oftmals erschrocken aufsah. Obwohl ich mich auf dem Sofa ruhig verhielt wagte sie sich nicht unterm Bett hervor. Ganz gleich, ob ich mich dort eine oder drei Stunden aufhielt. Also ließ ich sie gewähren und verließ die Gästezimmer bzw. Katzenzimmer gleich nachdem ich das Futter aufgestellt hatte, damit sie in Ruhe essen konnte. Dafür ging ich immer öfter nach ihr sehen und hielt mich lieber zwischen den Fütterungszeiten in den Katzenräumen auf. Diese Zeit wurde von den anderen Katzen gleichzeitig als Streichel- und Kuschelstunde genutzt.
 
Manchmal sah ich Mimi mit Oschi auf dem Sofa liegen, auf der Fensterbank mit Lady am offenen Fenster sitzen, auf dem Kratzbaum mit Trixi und Tommi turnen etc.. Dann schaute sie mich mit riesigen verängstigten Augen an, schlich langsam an mir vorbei und versteckte sich schnell unterm Bett. Die Gewißheit, dass sie sich mit den anderen Katzen gut verträgt und sich während meiner Abwesenheit frei bewegt beruhigte mich.
 
Am 20. Mai kam sie mir mit den anderen Katzen ein paar Schritte entgegen gelaufen, als ich mit den Näpfen ins Zimmer trat. Dann stoppte sie und lief unters Bett. Ich gebe zu, dass dieser zaghafte Vertrauensbeweis mir die Augen feucht werden ließ.

 

Mimi 25.5.08

 

 

Mimi 22.5.08

 

 

Die Bilder beweisen, dass Mimi nun nicht mehr so oft vor mir wegläuft.
Sie kommt mir und den Futternäpfchen inzwischen schon genau so entgegen gelaufen, wie die anderen Katzen.
Zwar hält sie sich in der Gruppe ziemlich außen, damit sie schnell weg kann. Das Bett ist immer noch ihr sicherer Unterschlupf. Dennoch nimmt sie ihre Mahlzeiten gemeinsam mit den anderen Katzen ein.
 
In den Freilauf geht sie noch nicht. Die offene Türe und die Treppe scheinen ihr unheimlich zu sein, denn sie flüchtet sofort unters Bett.
Wenn die anderen Katzen aus dem Freilauf zurück kommen, werden sie von Mimi an der Türe stürmisch begrüßt.
Mit Tommi schmust sie "kämpferisch". Er kann sich kaum auf den Beinen halten, wenn Mimi ihn begrüßt und ihm Küßchen und Köpfchen gibt. Tommi scheint ihr bester Freund zu sein. Die beiden toben, bis die Teppichbrücken fliegen lernen und der große Kratzbaum wackelt.
Auch Lady wird von ihr heftig gekuschelt.
Trixi begrüßt Mimi nur kurz und springt schnell weg.
Oschi geht ihr meist schnell aus dem Weg und dreht den Kopf erhaben zur anderen Seite. Macho eben!
 
Inzwischen wird unsere entzückende Mimi von Tag zu Tag zutraulicher.
Ihr glaubt gar nicht was für eine Randale hier manchmal ist, wenn Mimi mit Tommi und Trixi durch die Räume und den Kratzbaum rauf und runter rennt. Die drei spielen wirklich schön miteinander. Bonsai-Trixi gibt meist sehr schnell auf. Sie ist ja viel zierlicher, als die beiden Spielgefährten. Ihr Bruder Tommi ist fast so groß und kompakt wie Mimi. Dieser Wucht hält sie kaum stand und quietscht bei jedem Angriff der beiden.
 
Mimi´s mißtrauische Blicke zu mir werden immer seltener genau so, wie die Flucht unters Bett.
Sie ist sogar schon um meine Beine gestrichen, als ich mit den Näpfen kam. Dabei konnte ich ihr schon mal über den Rücken streichen! Sie redet nicht mehr so viel, aber wenn sie sich freut gurrt sie wie ein Täubchen. Zum Beispiel wenn es Futter und Leckerlis gibt oder wenn die anderen Katzen aus dem Freilauf zurück kommen. Sie liegt nun öfter auf dem Bett, als darunter. Dabei läßt sie mich kaum aus den Augen. Beim Spielen läßt sie sich durch meine Anwesenheit nur sehr selten noch ablenken. Dennoch bleibt sie zu mir immer noch auf Distanz.
 
Nur wenn es Futter und Leckerlis gibt streicht sie gurrend und schnurrend um meine Beine!
 
Trudi Straeten
10. Juni 2008
 
Mimi 15.6.08
 
Die Angst vor Katzen-Spielzeug scheint - zumindest bei dieser Stoffmaus - überwunden.
  
Mimi 20.6.08-11
 
Mimi 20.6.08-13
 
Mimi 20.6.08-22
 
Trixi und auch Tommi waren vom Spielen schon müde, aber Mimi lief immer noch auf Hochtouren. Nun mußte die Maus herhalten und anschließend auch noch mein türkischer (Wand-)Teppich. Die Bonsai-Kätzchen schauten ihr dabei aus sicherer Entfernung - unterm Schrank - zu.
 
Mimi 20.6.08-39
 
Ein dreifaches scharfes "Nein! Nein Mimi! Nein!" wurde ignoriert. Da habe ich ein kleines Catnip (Baldrian-Schmusekissen) nach ihr geworfen. Über Mimi´s Reaktion war ich sehr erschrocken. Sie quietschte und war blitzschnell unterm Bett verschwunden. Das tat mir unendlich leid, weil ich dachte, dass nun meine Arbeit ihr Vertrauen zu erlangen, für viele Wochen dahin ist.
 
Wenn ich eines dieser kleinen Kissen den anderen Katzen nachwerfe, lassen sie von ihren "Taten" ab und schmusen und spielen damit.
Mimi´s Reaktion läßt vermuten, dass man sie mit harten Artikeln (evtl. Steinen?) beworfen und schmerzhaft getroffen hat!
 
Ich verließ die Katzen-Spielzimmer und schaute nach etwa 15 Minuten nochmal nach ihr. Sie lag mit Tommi auf der großen Badezimmermatte im Wäsche-/Arbeitszimmer. Damit rutschen sie so gerne (nach dem entsprechenden Anlauf vom anderen Zimmer aus und einer Vollbremsung auf der Matte) über den glatten Boden. Und wenn die schön zusammen geschoben wurde, kann man sich in den Falten verstecken um einen Angriff auf den Spielgefährten zu starten. Das scheint ein besonders schönes Spiel zu sein.
 
Als ich ins Zimmer trat kam Tommi sofort zu mir und ließ sich streicheln. Mimi kam etwas näher und rollte sich auf den Rücken. Sie animierte mich auch sie zu streicheln. Was ich gerne tat. Sobald ich die Hand nach ihr ausstreckte lief sie ein paar Schritte weiter um mit den Vorderpfötchen auf der Stelle zu treteln. Vorsichtig ging ich ihr nach und strich ihr mehrfach über den Rücken. Leider ging sie während des Tretelns langsam vorwärts. Um sie weiter streicheln zu können mußte ich einen Fuß nachsetzen. Sie drehte sich ruckartig um und schaute mit großen, erschrockenen Augen zu meinem Fuß. Dann lief sie sofort unters Bett. Meine Vermutung: sie wurde getreten!
Es dauerte keine Minute, dann kam sie wieder unterm Bett hervor und spielte mit Tommi als sei nichts gewesen.
Ich setzte mich auf das Sofa und schaute den beiden zu.
 
Nun verstehe ich auch, warum sie immer gleich unters Bett geflüchtet ist: Sie hat Angst vor Händen und Füßen. Sobald ich sitze bewegt sie sich völlig frei und schaut kaum zu mir rüber. Wenn ich mich aber bewege geht ihr Köpfchen ruckartig in meine Richtung und wenn ich auf sie zugehe läuft sie schnell unters Bett. Das gleiche passiert, wenn ich ihr die Hand - mit oder ohne Leckerli - entgegen strecke.
 
Diese Reaktion kenne ich von Fleckchen, die ebenfalls - sogar heute noch, nachdem sie schon acht Jahre bei uns ist! - Angst vor Händen hat. Wenn ich auf dem Sofa sitze klettert Fleckchen von links kommend rückwärts auf meinen Schoß. So kann sie die streichelnde rechte Hand nicht sehen. Und wenn sie sich auf den Rücken dreht, damit ich ihr den Bauch kraulen kann, hält sie die Augen geschlossen. Aber wehe die Hand kommt von vorne, dann läuft sie kreischend davon. Deswegen nennen wir sie manchmal "kleine Zicke".
 
Ähnlich werde ich es wohl künftig mit Mimi erleben. Die Hand muß immer von hinten kommend den Rücken streicheln. Ich werde es mir merken! Was glauben wohl diese Katzen womit sie gestreichelt werden?
 
 
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